: Nur Antikommunisten sind glaubwürdige Antifaschisten

Zoltan Balog, Ungarischer Minister für gesellschaftliche Ressourcen, hielt am 24. August 2013 im Rahmen des vom Bund der Vertriebenen in Berlin ausgerichteten Tages der Heimat eine bemerkenswerte Rede. So lobte er ausdrücklich die “kulturellen und wirtschaftlichen Werke”, welche die Deutschen “in meinem Land, im gesamten Karpatenbecken, in Siebenbürgen, im Banat, in der Batschka, in der Vojvodina und in anderen Regionen Mittel-, Ost- und Südeuropas geschaffen haben”. Balog betonte, er sei “Begünstigter dieses Reichtums” und nach Berlin gekommen, “um Ihnen dafür zu danken: Dieser Reichtum ist wirklich von bleibender Bedeutung”. Außerdem bezeichnete der Minister die deutsche Minderheit als “eine Eliteminderheit in Ungarn” und wies darauf hin, dass trotz der Reduzierung der Parlamentarier von 386 auf 200 Abgeordnete den Vertretern der Nationalitäten im Hinblick auf die Wahlen im Jahre 2014 Mandate angeboten werden. “Das heißt, 2014 wird im ungarischen Parlament auf jeden Fall auch wieder deutsch gesprochen. Das freut mich sehr, wir werden das im nächsten Jahr feiern”, so Balog, der zudem den in diesem Jahr eingeführten nationalen Gedenktag für die aus Ungarn vertriebenen Deutschen erwähnte (19. Januar – siehe hierzu unter unserem Menüpunkt “Archiv” die drei Beiträge: Mit Minister: Gedenktag für Donauschwaben in Ungarn sowie Gedenkfeier für Donauschwaben in der Ungarischen Nationalversammlung und Parlamentspräsident László Kövér entschuldigt sich für “Verbrechen gegen die Menschheit”).

Zur Vertreibung der Deutschen aus Ungarn führte Balog aus: “Diese Geschichte haben wir zum Teil des Schulunterrichts gemacht, damit keiner von einer ungarischen Schule abgeht, ohne diese Geschichte zu kennen.” Seinen Vortrag schloss das Regierungsmitglied mit dem Hinweis auf eine drei Jahre alte Untersuchung, aus der hervorgeht, “dass das Volk, das den Deutschen am sympathischsten ist, die Ungarn sind. In Ungarn sind es die Deutschen”.

Hier noch zwei weitere Auszüge aus der Rede von Zoltan Balog, die dem DOD (Deutscher Ostdienst, Nachrichtenmagazin des Bundes der Vertriebenen) Nr. 9/2013, S. 19-22 entnommen sind:

“In unserer kleinen evangelisch-reformierten, deutschsprachigen Kirchengemeinde in Budapest gibt es Familien, die in Ungarn geblieben waren. Zunächst mal den Namen geändert, die Identität verborgen, zum Teil verleugnet, die Sprache, die deutsche Sprache verschwiegen, und erst eine Verbindung hergestellt, als die Oma starb. Weil die Kinder dachten, das geht doch nicht, dass die Oma so beerdigt wird und nichts in ihrer Muttersprache gesagt wird. In der Trauerrede sollte etwas auf Deutsch gesagt werden, aber trotzdem kein Wort über die Abstammung der Verstorbenen verlautbart werden. Angst und Scham noch Anfang der 90er Jahre. Wer müsste sich hier schämen, frage ich mich? Es ist eine alte grausame Methode, die immer wieder praktiziert wird. Nicht nur im Hinblick auf vertriebene Deutsche, sondern mit Blick auf Vertriebene ganz allgemein. Opfer werden zu Schuldigen gemacht, damit das Gewissen der Täter nicht zu laut brüllt. Deshalb dürfen wir die Opfer nicht vergessen, sie auch nicht beschämen, sondern sie würdigen.” (Seite 20)

“Und wer gegen extreme politische Tendenzen kämpft, sollte weder auf dem rechten noch auf dem linken Auge blind sein. Nach 40 Jahren kommunistischer Diktatur pflegen wir in Ungarn zu sagen – und ich hoffe, dass Sie das gut verstehen -, bei uns kann nur der ein glaubwürdiger Antifaschist sein, der gleichzeitig ein glaubwürdiger Antikommunist ist. In Mittel- und Osteuropa versteht man das ganz gut; es heißt nicht, dass wir Diktaturen gleichsetzen, Ereignisse gleichsetzen, obwohl Vergleiche immer sehr wichtig sind. Ich bin dankbar, dass Sie das hier auch verstehen. Wer gegen Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus kämpft und auftritt, soll auch die bleibende Gefahr des kommunistischen Denkens und Herangehens erkennen. Unser Engagement für die Opfer geschichtlicher Schandtaten wie der Vertreibung bleibt dann glaubwürdig, wenn wir auf der anderen Seite die Opfer diktatorischer Maßnahmen von heute wahrnehmen, ebenso wie Opfer aus rassistischen Gründen, und wenn wir uns für diese Leute einsetzen. Diese Einheit des Denkens, diese Einheit des Handelns, die sollten wir bewahren. Das muss ich Ihnen sagen, Frau Steinbach, diese Einheit des Handelns habe ich persönlich und haben die Ungarn ein Stück von Ihnen gelernt, das haben wir uns bei Ihnen abgeguckt und dafür sind wir sehr dankbar.” (Seite 22)

2013-09-22