Jarek: Gedenken an Sarajevo-Attentäter und Donauschwaben (Mai 2015)

Am 11. Mai 2015 die überraschende Nachricht: in Jarek wurde ein Denkmal für Gavrilo Princip errichtet. Princip war jener bosnisch-serbischer Nationalist, der am 28. Juni 1914 in Sarajevo das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Ehefrau Sophie verübte. Dadurch wurde die sog. Julikrise ausgelöst, die zum Ersten Weltkrieg führte.

Gavrilo Princip knüpfte sehr früh Kontakte zu jenen extremen serbischen Nationalisten, die sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts am Gedanken der Revanche für die Niederlage auf dem Amselfeld 1389 berauschten. Sie sahen sich immer noch als Opfer ausländischer Aggressoren, diesmal als Opfer der österreichisch-ungarischen Monarchie, die nun auch Bosnien besetzt hielt. Nach ihrer Lesart der k. u. k. Politik ließen die Wiener Behörden keine wirtschaftliche Entwicklung zu, die Serbien hätte nützen können, obwohl das industrialisierte Bosnien ein höheres Pro-Kopf-Einkommen hatte als Serbien und Bosnien und die Serben davon profitierten. Zu Beginn des Ersten Balkankrieges hatte Gavrilo Princip als Tschetnik mitkämpfen wollen, war aber wegen seiner schwachen körperlicher Konstitution, er hatte Knochenkrebs, nicht genommen worden. Diese Zurückweisung bestärkte ihn in der Idee, auf andere Weise etwas Ungewöhnliches für sein Volk tun zu müssen, und diese Pläne kulminierten schließlich im Attentat auf den Habsburger Thronfolger.

Dieses Denkmal für Princip steht also nun in Jarek - in dem selben Ort, in dem 7000 tote Lagerinsassen in den Massengräbern ruhen und für uns Donauschwaben unerträglich lange auf ein Zeichen des Gedenkens und der Versöhnung harrten. Wir als Nachkommen der Toten können in diesem Princip-Denkmal kein Zeichen der Völkerversöhnung sehen, wir befürchten vielmehr, dass serbische Nationalisten darin ein Fanal sehen, mit stiller Billigung der Behörden rechnen zu können, wenn sie gegen einen Gedenkstein für die Toten des Jareker Lagers (in welcher Form auch immer) aktiv werden.

Der Bundesvorstand der Landsmannschaft der Donauschwaben in Deutschland vereinbarte mit der Temeriner Verwaltung ein Gespräch für Freitag, 15. Mai 2015, einen Tag vor der Gedenkfeier für die donauschwäbischen Opfer des Lagers Jarek. Von beiden Seiten nahmen je vier Personen am Gespräch teil. Vom Bundesvorstand waren der Vorsitzende Hans Supritz, der zweite Vorsitzende Michael Rettinger, vom Nationalrat Anton Beck und als Referent Stefan Barth dabei. Von der Temeriner Verwaltung kamen der Vorsitzende des Gemeinderates Djuro Žiga, der Vertreter für die Kultur und Öffentlichkeitsarbeit Dejan Bradaš und aus der Stadtplanung Nikola Ember und Dejan Mihaljica. Man legte uns einen detaillierten Bebauungsplan vor, in dem die Parzelle für die Gedenkstätte eingezeichnet war. Man sagte uns, der Plan sei zur Genehmigung beim Katasteramt und man würde darauf warten. Man versprach, uns die Pläne und das Protokoll von der Sitzung am Montag zuzuschicken. Wir hatten den Eindruck, dass die Verwaltung gewillt ist, uns die Genehmigung für den Bau des Denkmals zu erteilen, sobald das Katasteramt den Eintrag bestätigt hat.

Am Samstag, 16. Mai 2015, fand um 11 Uhr mit rund 160 Landsleuten und Gästen, im Beisein der Vertreter der Gemeinde Temerin, einer Delegation des Parlaments der Autonomen Provinz Woiwodina, des Nationalrates der Donauschwaben in Serbien und eines Vertreters der Deutschen Botschaft in Belgrad die Gedenkfeier statt - vor dem provisorischen Holzkreuz in der Nähe der Massengräber. Es sprachen der Vorsitzende des Bundesverbandes der Landsmannschaft der Donauschwaben in Deutschland, Hans Supritz, die Bürgermeisterin von Kirchheim/Teck, die Vorsitzenden der Heimatortsgemeinschaften von Jarek, Bulkes (heute Maglić) und Futok. Eine kurze Wiedergabe der Reden:

Hans Supritz begrüßte die Gäste und die angereisten Donauschwaben und betonte, die Ehrung der Toten Angehörigen gelte unter allen zivilisierten Völkern als große Ehrenpflicht und Ausdruck höchster Moral. Es ist die Pflicht der Lebenden, in diesem Falle der Überlebenden, ihren verstorbenen Angehörigen die Ehre zu erweisen. Hier in Jarek haben unsere Angehörigen, die das Lager nicht überlebten, auf dem Gottesacker die letzte Ruhe gefunden. Wer den Toten den Rücken kehrt, verliert nicht nur die Erinnerung an die Vergangenheit, sondern auch den Glauben und die Hoffnung auf die Zukunft, betonte er. Er ging auf die Opfer des Zweiten Weltkrieges ein und erwähnte die allen Deutschen aufgezwungene Kollektivschuld und die Bestrafung, die zu 64 000 zivilen Opfern und 7 000 Toten im Lager Jarek führte. Er erwähnte dabei auch unsere 10jährigen vergeblichen Bemühungen, ein Gedenkkreuz zu errichten, und sagte weiter: Mit dieser Gedenkfeier, die uns in friedlicher Absicht nach Jarek geführt hat, zeigen wir, dass wir keine Schuldigen suchen, sondern dass der heutige Tag uns im humanen Sinne wieder einen Schritt näher gebracht hat und dass wir in diesem Bewusstsein und mit Zuversicht in die Zukunft schauen können. Einen Teil dieser Zuversicht erleben wir darin, dass uns der örtliche Kulturverein in Jarek mit seiner Jugend bei der Organisation geholfen hat, wofür wir uns im Namen der Donauschwaben herzlich bedanken.

Danach sprach die Bürgermeisterin von Kirchheim/Teck, Frau Matt-Heidecker, die im Auftrag ihrer Stadt und des Regierungsbezirks Stuttgart Verhandlungen über eine Partnerschaft zwischen Kirchheim/Teck und dem Ortsverband Bulkes, Petrovac, Gloschan und Kulpin führen wird. Da vereinbart wurde, die Vorsitzenden der Heimatortsgemeinschaft sprechen zu lassen und die Beiträge sich inhaltlich wiederholten, habe ich auf weitere Ausführungen der Bürgermeisterin verzichtet. Ihr Kommen zeigte, dass gute Beziehungen, wie wir sie auch mit Jarek anstrebten, durchaus Früchte tragen können. Für die Heimatortsgemeinschaft Jarek sprach ihr Vorsitzender Michael Rettinger. Er sagte unter anderem: Durch unser Gedenken wollen wir zeigen, dass wir die durch den unseligen Zweiten Weltkrieg auf beiden Seiten geschehenen Gräueltaten nicht vergessen dürfen und dass diese sich nicht wiederholen dürfen. Gedenkstätten wie diese sollen zeigen, dass Kriege nur Leid, Schmerz und zerstörte Länder hinterlassen. Sie sollen Mahnmal für ein friedliches Miteinander unter den Menschen sein. Weiter ging er auf die lange Verhandlungsdauer über die Gedenkstätte ein, die ein Zeichen der Versöhnung mit der Vergangenheit für die Lebenden und in dieser Erde Ruhenden sein solle. Er erwähnte die Zerstörung und Beseitigung des deutschen Friedhofes und fragte, wer diesen Schritt veranlasste und warum. Schließlich sagte er: Wir verbinden mit der heutigen Gedenkfeier den Wunsch zu einem friedvollen Miteinander der einstigen und heutigen Bewohner unseres Geburtsortes.

Für die HOG Bulkes, das die meisten Opfer im Konzentrationslager Jarek hatte, sprach Sybille Hoffmann-Zeller. Sie fragte: Was treibt uns, die Nachkommen, an, hier in Jarek dabei zu sein? Ein Ort der uns fremd ist, ein Ort, den wir nur aus den Erzählungen und Büchern kennen? Was treibt uns an, weiterhin unablässig für die Errichtung eines Denkmals zu Ehren unserer Ahnen und Verwandten hier in Jarek zu kämpfen? Sie sah die Antwort in der historischen Zäsur, die unser Leben durch den Verlust von Angehörigen geprägt hat, ihr dadurch viele Verwandte verloren gingen. Sie fragte weiter: Was treibt uns, die Nachkommen, an, sich dieses erlebte Leid unserer Verwandtschaft ins Gedächtnis zu rufen - immer wieder - um es nie zu vergessen? Und gab die Antwort gleich mit: Weil wir Nachkommen so viel Glück haben – keine Kriege miterleben zu müssen – nicht unserer Menschenrechte beraubt zu werden – in Wohlstand erwachsen werden durften.

Von 930 nach Jarek internierten Bulkesern starben 654 hier im Lager, davon 172 Kinder. Ein Kind davon war Heidi, die Cousine ihres Vaters, die im Lager mit 15 Jahren verstarb.

Danach las die Tochter von Frau Hoffmann-Zeller Briefe, die Heidi an ihre Mutter geschrieben und geschmuggelt hatte. Aus den anrührenden Briefen erfuhr man nicht nur die verzweifelte Lage der Bevölkerung im Lager, sondern auch die immer wieder aufkeimende Hoffnung auf die Rückkehr nach Hause. In ihrem letzten Brief an ihren Großonkel schrieb Heidi:

Lieber Hoffmannspatt!
Seit dem Brief mit den 100 Dinar haben wir noch keine Nachricht von Euch erhalten. Kathrinche ist seit vorgestern im Spital. Es sind mehrere aus unserem Haus dort. Der Arzt konstatierte Typhus, angeblich soll es aber keiner sein, sie hoffen, dass sie bald herauskommen. Degen Hans wurde gestern begraben. Wir haben jetzt schon 480 Tote. Wir hoffen, dass wir bald nach Hause gehen. Gott soll geben, dass es auf Wahrheit beruht. Herzliche Grüße an euch alle!
Hedi

3 Monate später starb Hedi.

Für die Heimatortsgemeinschaft Futok sprach Stefan Barth. Da er mit sieben Jahren selbst im Lager Jarek war, erzählte er über einige Erlebnisse im Lager: Wir mussten am 4. Dezember 1944 unseren Heimatort Futok zu Fuß in Richtung Jarek verlassen. Es regnete den ganzen Tag. Wir gingen von Futok nach Novi Sad und dann weiter nach Jarek. Es war schon dunkel als wir dort ankamen. Fest in meiner Erinnerung war die Begegnung mit der Kommandantin des Lagers. Ich hatte Hunger und kletterte auf der Straße auf einen dicken Maulbeerbaum mit reifen Früchten. Das war verboten. Ich saß mitten im Baum auf einem abgesägten dicken Ast der neue Triebe bekam und mir ein gutes Versteck bot. Da hörte ich Stimmen. Eine Frauenkolonne kam in Begleitung der Kommandantin von den Feldarbeiten zurück. Unter dem Baum hielt die Kolonne an, weil die Kommandantin bei einer Frau Maiskolben oder Kartoffeln entdeckte, laut fluchte und die Frau ohrfeigte. Ich saß wie angewurzelt und war heil froh als die Kolonne weiterging und ich den Baum verlassen konnte. Einmal wollte ich am Ziehbrunnen Wasser schöpfen. Als ich in den Brunnen schaute sah ich eine ertrunkene Frau, die mit offenen Augen nach oben starrte. Ich ließ den Eimer vor Schreck los und rannte davon. Später kam ich zurück und sah, dass Leute die Tote aus dem Brunnen geborgen hatten. Ich erfuhr auch, dass sie vier Kinder hatte und den Freitod suchte, weil sie nicht weiter zusehen konnte, wie ihre Kinder hungerten. Meine Urgroßmutter starb neben mir auf dem Strohlager auf dem Fußboden. Sie ist buchstäblich verhungert, weil sie mit 81 Jahren die schlechte Nahrung nicht essen konnte. Täglich fuhr ein Leiterwagen durch die Straße, sammelte die Toten ein und brachte sie zum Massengrab am deutschen Friedhof.

Vertreter der HOGs, der Delegationen und der Besucher legten Kränze und Blumen für die Opfer nieder. Man brachte allgemein den Wunsch zum Ausdruck, 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Versöhnung zu kommen und zu Ehren unserer im Lager verstorbenen Angehörigen ein Denkmal zu errichten und ihrer so zu gedenken, wie es auch die Serben für ihre Angehörigen ganz selbstverständlich tun. Hoffnung machten uns die serbischen Jugendlichen, die in Volkstracht gekleidet waren und uns ihre Mikrophonanlage zur Verfügung stellten und betreuten. An dem provisorischen Holzkreuz legten die Delegation des Provinzparlaments, die Vertreter des Nationalrates der Deutschen in Serbien, die Jugendgruppe aus Jarek und die Heimatortsgemeinschaften Kränze nieder. Die meisten Landsleute gingen dann mit unseren serbischen Gästen zum Mittagessen in das Gasthaus “Troglav”. Über die Gedenkfeier berichtete leider nur das ungarische Fernsehen in Serbien.

2015-06-16