Donauschwäbische Dorfgeschichten

Spurenlese in Nadasch, Altglashütte und Großnaarad

Will man speziell den verbliebenen Nachkommen der schätzungsweise 150 000 zwischen 1686 und 1829 ins Gebiet des heutigen Ungarns eingewanderten Deutschen nachspüren, so eignet sich die im Winkel zwischen Donau und Drau gelegene sogenannte “Schwäbische Türkei” mit den Regionen Branau, Tolnau und Schomodei besonders gut. Dort ist ein Viertel aller Ungarndeutschen zu Hause – immerhin 50 000 bis 60 000 Menschen.
Wie an vielen Orten dieser Welt, so ist auch im Komitat Branau (ungar. Baranya) der Besuch eines Friedhofs ein sinnvoller Reiseauftakt. Auf dem Friedhof von Nadasch (Mecseknádasd) finden sich noch Grabsteine, die von den Anfängen donauschwäbischer Besiedlung im 18. Jahrhundert zeugen. Das zwischen 1720 und 1725 entstandene Dorf gehört zu den landesweit ersten Gründungen. Ein besonders gut erhaltener Grabstein erinnert an den 1765 in jungen Jahren verstorbenen “Gingling [Jüngling] Johannes Schulz”. Auch die weitere Geschichte der Volksgruppe mit ihrer zunehmenden Entfremdung von der deutschen Muttersprache ist an den Grabsteinen ablesbar. Vor 1960 sind sämtliche Inschriften in Deutsch gehalten, während danach eindeutig das Ungarische vorherrscht.
Am Rande des Friedhofs steht gedankenverloren eine ältere Frau, die Arme voller Wiesenblumen und Gräsern, die sich zwischen den verwitterten Grabsteinen ausgebreitet hatten. Die Frau im Arbeitskittel mit den schlohweißen Haaren und den freundlichen braunen Augen ist unschwer als Donauschwäbin erkennbar. Regina Amrein ist 69, wirkt aber älter. Warum, das wird klar, wenn sie von ihrem Leben berichtet.

Regina Amrein
Regina Amrein zwischen alten Grabsteinen auf dem Nadascher Friedhof

1945 wurde ihre Mutter von Rotarmisten nach Rußland verschleppt. Als sie heimkehrte, wog sie ganze 36 Kilo. Auch Regina Amreins Schwester mußte zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion; sie kam in den Ural. Der ältere Bruder Johann diente als Soldat bei der Waffen-SS und gilt als vermißt, sein Grab liegt irgendwo in den unendlichen Weiten der Ukraine, vielleicht auch in Rumänien. Georg, ihr zweiter Bruder, verblutete, nachdem er Ungarn für immer verlassen hatte, bei einem Motorradunfall auf einer deutschen Landstraße. “Er hatte immer schon Öl im Blut”, sagt Regina Amrein. Auch sie selbst traf der Bannstrahl der Zeitgeschichte. Im zarten Alter von neun Jahren mußte sie nach Kriegsende aus dem Heimatdorf weg und wurde in einen Nachbarort vertrieben. Anders als so viele ihrer ungarndeutschen Landsleute durfte sie aber schon nach wenigen Jahren zurück, allerdings nicht in das beschlagnahmte Elternhaus.
Trotz allem erzählt Regina Amrein gern, sehr gern. Und sie weiß auch Erfreuliches zu berichten: davon, daß sie bereits ein halbes Jahrhundert mit einem anderen Donauschwaben verheiratet ist, zwei Kinder und drei Enkel hat, von denen einer sogar in Budapest studiert – “irgendwas mit Computern”. “In meiner Kindheit habe ich mit meinen Eltern nur Deutsch geredet”, erinnert sie sich und ergänzt, daß ihre Kinder zwar auch Deutsch sprechen könnten, es aber nicht wollten, obwohl sie doch am ungarndeutschen Valeria-Koch-Gymnasium gewesen seien. Kurz wendet sie sich wieder dem Grab der Großeltern ihres Mannes zu und entfernt einige verwelkte Blüten. Dann fährt sie fort mit Berichten über die Schicksalsschläge der Kindheit, diesmal von der Familie ihres Mannes. Auch dessen Mutter mußte zur Zwangsarbeit nach Rußland, kehrte von dort jedoch ebenso wenig zurück wie die beiden Brüder und die kleine Schwester.
Auf die Frage, ob sie denn angesichts all dieser Erfahrungen nicht lieber weg wolle, nach Deutschland, antwortet Regina Amrein ohne zu zögern: “Mein Zuhause ist hier”. Sie sagt es in ihrem melodischen Deutsch, das pfälzisch dominiert ist, aber auch andere süddeutsche Dialektspuren beinhaltet. Vielleicht sogar alemannische Elemente, denn, so betont sie, ihre Urahnen seien aus dem Elsaß. Dort würde sie, die ihr ganzes Leben in derselben Gegend verbracht hat, gern noch hin, hin um zu sehen, ob es “im Elsaß genauso schön ist wie hier”.
Regina Amrein hat allen Grund, nicht nur auf die Landschaft der Branau stolz zu sein, sondern auch auf ihr anmutig gelegenes Dorf, das historisch immerhin eine einmalige Episode aufzuweisen hat. Als Mitte der achtziger Jahre bei Wahlen auf kommunaler Ebene neben den Kadern der kommunistischen Partei vereinzelt auch andere mehr oder weniger unabhängige Kandidaten aufgestellt werden konnten, wählten die Nadascher mit dem jungen Franz Weckler prompt einen aus ihrer Mitte zum Bürgermeister. Als Kandidat der örtlichen ungarndeutschen Volkstanzgruppe wurde Weckler zum ersten und bis zum Umbruch einzigen frei gewählten Bürgermeister des Landes – und blieb es bis heute. Der damalige “Skandal” schlug enorme Wellen; aus Budapest soll sogar eigens eine Untersuchungskommission herbeigeeilt sein.
Weckler, der noch heute Nadascher Gemeindevorsteher ist, erregte ein weiteres Mal großes Aufsehen. Nachdem der promovierte Jurist in den Neunzigern als Kandidat der Liberalen zum Vizepräsidenten des Nationalparlaments gewählt worden war, wagte er es, eine Rede auf Deutsch zu beginnen. Mit dem Ergebnis, daß die ungarischen Volksvertreter reihenweise ein tumultartiges Geschrei anfingen und bei dem Toleranztest kläglich durchfielen.

Branau
Mehrsprachige Ortsschilder sind in der Branau längst alltäglich

Seit Beginn der Besiedlung waren in Nadasch auch Töpfer dabei, die in der Folgezeit dafür sorgten, daß dieses Handwerk zum besonderen Kennzeichen des Ortes wurde. Erst nach 1945 verlagerte sich die Töpferei zusehends in das drei Kilometer entfernte Altglashütte (Obánya), wenngleich beispielsweise Zsolt Gradwohl noch immer an der Töpferscheibe sitzt und für den Direktverkauf auf Märkten die Teller und Krüge mit den regional typischen Mustern herstellt. Allerdings ist es für ihn zur Zeit kaum mehr möglich, so Gradwohl, mit diesem Handwerk seine Familie zu ernähren.
Wie in Nadasch mit seinen annähernd 2000 Einwohnern (davon 50 bis 60 Prozent Ungarndeutsche) sind auch die schmucken Häuserzeilen in Altglashütte tagsüber fast menschenleer. Auf einer schattigen Bank vertreiben sich drei alte Männer träumend und zeitungslesend den Nachmittag. Ihr Rentneridyll spiegelt die melancholische Verschlafenheit, die sich über Altglashütte gebreitet hat. Wirtschaftlich liegen die besten Zeiten des Dorfes schon länger zurück. Von den 350 Einwohnern, die hier lebten, bevor 1966 die erste asphaltierte Straße fertig wurde, sind heute nur noch gut 150 übrig. Zwar ist die Landflucht gestoppt, doch die meisten der fast ausschließlich ungarndeutschen Bewohner leben mehr schlecht als recht als Waldarbeiter, Handwerker oder Rentner. Die einst bedeutsamen Kohlegruben der Umgebung haben nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums dicht gemacht. Einige Häuser stehen leer, doch die meisten sind penibel gepflegt. In dem 1997 eröffneten Heimatmuseum kann man beim Blättern in einer Ortschronik von 1872 erfahren, womit die deutschen Bewohner des Tals einst ihr Geld verdienten: Sie waren Winzer, Weber oder Töpfer. Zumindest ein Töpfer ist geblieben: Josef Teimel. Buntbemalte Wandteller am Haus künden von der Pflege dieses für Altglashütte besonders reich überlieferten Handwerkserbes.
Während Josef Teimel, einer der verbliebenen Töpfer, ökonomisch über die Runden kommt, gibt es in den umliegenden Dörfern viele Leute, die nur von der Hand in den Mund leben. Unsere jungen Gastgeber Bernadett und Martin zum Beispiel. Ihre kaum variierten Mahlzeiten bestehen aus dem, was sie im Garten anbauen bzw. ihr bißchen eigenes Vieh hergibt: Kartoffeln, Paprika, Tomaten, Gurken, Eier, Salami und Wein. Für das wenige, was eingekauft werden muß, verdingt Martin sich tageweise als Waldarbeiter oder fährt im Frühjahr ungarische und ungarndeutsche Saisonarbeiter zum Spargelstechen nach Deutschland. Bei den sehr seltenen Besuchen in Fünfkirchen können die beiden über den Glanz in den Einkaufsstraßen nur staunen. Er scheint zu einer anderen Welt zu gehören, in der sie wahrscheinlich nie ankommen werden. Ihr trotz allem zufriedenes Selbstversorgerdasein paßt in kein gängiges Klischee: weder in das von erfolgreichen Aufbrüchen zu neuen marktwirtschaftlichen Ufern noch in das von nostalgischen Wendeverlierern.

Nadasch
Nadasch hat viele Geschichten zu erzählen, nicht nur im Heimatmuseum

Ebenso fügt sich der Charakter der Kulturlandschaft rund um Nadasch und Altglashütte sowie in anderen Gegenden der Branau in keiner Weise in den zählebigen Ungarn-Mythos der Tourismusbranche ein: Statt der staubigen Weite der Pußta mit einsamen Gehöften und Ziehbrunnen erwarten den Reisenden liebliche grüne Hügel und gemütliche mitteleuropäische Dörfer. Und statt des folkloristisch gewürzten Massentourismus im Nationalpark Hotobágy und den Reiterkunststücken vermeintlicher Hirten gibt es hier altüberlieferte Handwerkskunst und echte Gastfreundschaft in wenig vermarkteten Regionen, die durch das Nebeneinander von ungarischen, deutschen, kroatischen und serbischen Siedlungseinflüssen sowie einigen Spuren aus der Türkenzeit vielfältig geprägt sind.
So wie es landschaftlich nicht unbedingt die Pußta sein muß, läßt sich statt eines Tokajers durchaus auch ein kräftiger Rotwein aus einem Winzerdorf der Branau genießen. Zum Beispiel einer aus dem 30 Kilometer südöstlich von Fünfkirchen gelegenen Winzerdorf Gowisch (Villánykövesd), das auch wegen seiner malerischen Phalanx von Wein-Lagerhäusern den Besuch lohnt. Berühmt geworden ist die Weinstraße zwischen Wieland (Villány) und Siklós.
Ebenfalls in der südöstlichen Ecke der ungarischen Branau, die wenige Kilometer weiter in die kroatische Branau übergeht, bietet sich ein Abstecher in das Geschäft des ungarndeutschen Blaufärbers von Großnaarad (Nagynyárád) bei Mohatsch (Mohács) an. Johann Sárdi gehört landesweit zu den vier letzten Vertretern seiner angeblich von den deutschen Siedlern vor über zwei Jahrhunderten mitgebrachten Handwerkstechnik. Jeder im Ort kennt ihn, so daß es für uns auch ohne Beschilderung ein Leichtes ist, sein Haus zu finden. Sardís geschmackvolle Tischdecken und Schürzen zieren die Auslagen seines Geschäfts, und sein Enkelsohn sorgt als angehender Blaufärber dafür, daß dieses Handwerk in Großnaarad Zukunft hat und auch moderne Ansätze einfließen. Alljährlich findet in dem Ort ein nationales “Blaufärberfestival” statt, und wer an Sonntagen in die Dörfer dieser Gegend kommt, stößt bei den Gottesdiensten immer wieder auf ältere Frauen in ihren traditionellen blau eingefärbten Trachten. Doch diese Bilder der auch “Blauschwaben” genannten alteingesessenen Deutschen werden schon bald der Vergangenheit angehören. Leider.

Martin Schmidt

2010-07-04