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Von Herta Müller bis Johannes WeidenheimLiteratur-Symposium zu Gulag- und Totalitarismuserfahrungen deutschsprachiger Autoren des OstensÄhnlich wie Herta Müller in ihrer „Atemschaukel“ dem Leser einiges zumutet, forderte das jüngste Literaturwissenschaftliche Symposium der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Das Gehörte wirkte noch lange nach, ja, es ließ einen kaum mehr los. Die Thematik des Seminars im Christkönigshaus in Stuttgart-Hohenheim am 22./23. Januar 2011 war gut gewählt: „Bis hin zum Gulag? Bestehen und Versagen deutschsprachiger Autoren des Ostens gegenüber den Herausforderungen des Totalitarismus“. Die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an die Banater Schwäbin Herta Müller im Oktober 2009 bildete ebenso einen öffentlichkeitswirksamen Hintergrund wie die im Herbst letzten Jahres bekannt gewordenen Securitate-Verstrickungen des Lyrikers Oskar Pastior, dessen persönliche Aufzeichnungen aus dem Alltag der 60 000 rumäniendeutschen Zwangsarbeiter in der Sowjetunion der „Atemschaukel“ als Vorlage dienten. Zahlreiche Angehörige der im Gulag bzw. unter einer anderen Form des kommunistischen Totalitarismus gelittenen auslandsdeutschen Volksgruppen saßen unter den Zuhörern – Rußlanddeutsche, Siebenbürger Sachsen sowie Donauschwaben aus Rumänien und Serbien. Prof. Dr. Karol Sauerland, in der DDR aufgewachsener Sohn deutsch-jüdischer Emigranten und Leiter der Abteilung für Literaturwissenschaft an der Warschauer Universität, führte in die Thematik ein. Dabei zitierte der seinerzeitige Chefredakteur der polnischen Untergrundzeitschrift Europa aus einem 1988 dort veröffentlichten Interview mit dem Gulag-Insassen Horst Bienek, in dem der oberschlesische Schriftsteller prophezeite: „Ich bin überzeugt, daß es einst in Workuta ein Museum geben wird, so wie es eines in Auschwitz gibt.“ Das Stadtmuseum Workuta erinnert heute zwar auch an die stalinistische „Vernichtung durch Arbeit“, doch die allgemeine Bewußtmachung dieser Massenverbrechen hat längst nicht den Stellenwert wie die der Verbrechen der NS-Rassenideologie. Mit welch zerstörerischer Kraft der rote Totalitarismus seine tatsächlichen oder nur mutmaßlichen Gegner traf, machte anschließend Dr. Monika Tokarzewska aus Thorn (Torún) in ihrem tiefenpsychologisch angelegten Vortrag „Die Gefängniszelle als Erfahrung von Ausnahmezustand bei Horst Bienek und Aleksander Wat“ deutlich. Die junge Polin, die über Georg Simmel promovierte und als Kennerin der Philosophie der deutschen Romantik gilt, skizzierte Wats in den Sechzigern von Czeslaw Milosz festgehaltene „Erinnerungen“ von 1926 bis 1945 und Bieneks Roman „Die Zelle“ von 1968 als zwar grundverschiedene, aber literarisch jeweils bedeutende Wahrnehmungsweisen des „ästhetischen Ausnahmezustandes“ in sowjetischen Gefängnissen. Während der vormalige Kommunist Wat seine Zeit in der Moskauer Lubjanka als perfide angelegten Versuch zur Zerstörung jedweden menschlichen Innenlebens wahrnahm, hob Bienek in seinen Schilderungen über DDR-Gefängnisse die totale Reduzierung der Insassen auf alles Körperliche hervor. Doch die vom System beabsichtigte Marginalisierung alles Geistig-Politischen sei damit gerade nicht erreicht worden. Im Gegenteil: Das Ergebnis war, so Bienek, eine immense Vergeistigung. Sein Protagonist sah sich gezwungen, sich immer wieder mit sich selbst zu beschäftigen; da es keine äußeren Ereignisse gab, wurde alles, auch die unbedeutendste Kleinigkeit des Zellenalltags, zum Ereignis. Die anschließende lebhafte Diskussion war von berührenden Zeitzeugenberichten über eigene Lagererfahrungen geprägt sowie von der Erkenntnis, daß neben solch gekonnten literarischen Schilderungen wie jenen Wats, Bieneks, Alexander Solschenizyns („Im Vorhof der Hölle“, „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“), Igor Schalamows („Kolyma“) oder Eberhard Pauschs („Und dennoch überlebt“) die große Masse derer nicht zu vergessen ist, die angesichts der grausamen Erinnerungen verstummten. Viele konnten selbst ihren engsten Angehörigen gar nicht oder erst spät etwas darüber berichten, andere fanden in einer persönlichen Memoirenliteratur das geeignete Mittel, die schaurigen Bilder der Vergangenheit zu verarbeiten. Solche manchmal kaum lesbaren Schriften seien allerdings vor allem für die Verfasser und ihre mit den geschichtlichen Hintergründen vertrauten Landsmannschaften, etwa die Rußland- oder Rumäniendeutschen, von Bedeutung, während es der Literatur im höheren Sinne zukomme, die Thematik einer breiteren Öffentlichkeit zu erschließen. Eine ganz andere Form der Vergangenheitsbewältigung brachte Dr. Withold Bonner, Dozent für Literatur- und Kulturwissenschaft im finnischen Tampere und ausgewiesener Spezialist für DDR-Literatur, zur Sprache. Er verglich auf anschauliche Weise die „Reden über Heimat und Heimatverlust“ bei Franz Fühmann mit denen bei Johannes Bobrowski. Der aus dem böhmischen Riesengebirge stammende Fühmann, der als vormaliger SA-Mann und Weltkriegsteilnehmer bis zur letzten Stunde nach der Niederlage in einer Antifa-Schule des Nationalkomitees Freies Deutschland ideologisch umerzogen wurde, flüchtete zunächst mit großer Begeisterung in den Kommunismus. Es brauchte lange, ehe er sich schweren Herzens von diesem „neuen Glauben“ lösen konnte und eigene Reflexionen über den „Heimat“-Begriff zuließ. Der etwa gleichalte Ostpreuße Bobrowski sah sich nach seiner Kriegsgefangenschaft von 1945-49 einschließlich Zwangsarbeit in einem sowjetischen Kohlebergwerk wie Fühmann von dem starken Gefühl eigener Schuld und Mitverantwortung für die NS-Verbrechen in die Pflicht genommen, zumal er seine ersten Gedichte 1944 in der nationalsozialistischen Zeitschrift Das innere Reich veröffentlicht hatte. Obwohl auch er sich in Ost-Berlin einer der SED-Blockparteien anschloß, gab es für Bobrowski nie eine ideologische Hemmung, sich als Autor mit den tabuisierten Erinnerungen an die Heimat im Osten auseinanderzusetzen. Dabei stand der Wille im Vordergrund, die Versöhnung mit den östlichen Nachbarvölkern mitzugestalten. Fühmann bejahte demgegenüber lange Zeit die systemkonforme totale Verdrängung und Selbstzensur. In seiner frühen Erzählung „Böhmen am Meer“ (1962) verknüpfte er die böhmische Heimat des Protagonisten unauflöslich mit dem „Faschismus“ und wies ihm während dessen Urlaubs an der DDR-Ostseeküste den Ausweg, sich „von der Zeit heilen zu lassen wie eine Alge vom Meer“. Erst der Auftrag, anläßlich des 20. Jahrestages der DDR, eine Neufassung von Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ zu verfassen, brachte bei Fühmann einen deutlichen Umschwung. Nachdem er sich im Zuge seiner Recherchen immer mehr seiner böhmisch-österreichischen und eben nicht preußischen Wurzeln bewußt geworden war, brach er die Arbeit ab. Der innere Abstand zu seiner „politischen Heimat“ DDR, die, so Withold Bonner, den Verlust seiner Kindheitsheimat kompensieren sollte, wurde immer größer und mündete schließlich in Wahrnehmungsparallelen von DDR- und NS-System. Allen inneren Blockaden zum Trotz lernte Franz Fühmann also dazu - anders beispielsweise als seine der IM-Tätigkeit überführte, bis zuletzt weitgehend linientreue Schriftstellerkollegin Christa Wolf. Nachdem der erste Seminartag mit einem Konzert des Malinconia-Ensembles Stuttgart unter dem Motto „Nun sind die Tage grau und düster geworden – Komponisten des Ostens in Zeiten der Bewährung“ klassisch-melancholisch ausgeklungen war, begann der Sonntag mit Ausführungen über die Repressionen seitens des DDR-Literaturbetriebs, denen jene Autoren ausgesetzt waren, die sich einen Rest schriftstellerischer Freiheit bewahren wollten. Dr. Jörg Bernhard Bilke stellte den nie erschienenen, von ihm in Form der Korrekturfahnen eingesehenen zweiten Teil von Boris Djacenkos 1954 herausgekommenen Roman „Herz und Asche“ vor. Dieses Werk des im lettischen Riga geborenen Verfassers war für 1958 geplant, mußte jedoch nach massivem Druck staatlicher Organe allein deshalb eingestampft werden, weil es auf den Seiten 440/41 die Vergewaltigung einer deutschen Frau durch drei Rotarmisten während des Zweiten Weltkrieges andeutungsweise darstellte. Damit hatte Djacenko eines der strengsten Tabus im „ersten sozialistischen Staat auf deutschen Boden“ gebrochen, wenngleich, so wurde in der anschließenden Diskussion deutlich, das grausame Kapitel der schätzungsweise zwei Millionen Opfer von Vergewaltigungen durch Sowjetsoldaten allein auf Reichsgebiet auch einzelne andere DDR-Autoren zu – allerdings sehr subtilen – schriftstellerischen Notizen veranlaßte. Wie kompliziert sich das Autorendasein unter totalitären Umständen gestalten konnte, das wurde erst recht mit dem nächsten Vortrag deutlich. Ingmar Brantsch, Siebenbürger Sachse und Schriftsteller, sprach zum Thema „Unter Larven die einzig fühlende Brust – Eginald Schlattner und die Möglichkeiten des Widerstandes in einer Diktatur“. Sein 1933 geborener Landsmann Schlattner sei der „größte Vertreter“ jener selbständigen deutschen Literaturszene Rumäniens, so Brantsch, auch wenn der heimatverbliebene Urheber so wichtiger Romane wie Der geköpfte Hahn oder Rote Handschuhe durch seine erzwungenen Aussagen im sogenannten „Schriftstellerprozeß“ der späten fünfziger Jahre in Mißkredit geriet. Schlattner hatte selbst 20 Monate im Kronstädter Gefängnis gesessen und war über drei Monate hinweg den Mühlen der Securitate-Psychiatrie ausgesetzt. Der „unversöhnlichen“ Kritik Hans Bergels oder Richard Wagners an der anschließenden „Denunziation“ selbst befreundeter rumäniendeutscher Schriftstellerkollegen durch den Hauptzeugen Schlattner mochte sich der Referent nicht anschließen. Schließlich seien damals, von dem Donauschwaben Wolf von Aichelburg abgesehen, alle Angeklagten zu ideologischen Konzessionen bereit gewesen.
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