Für Internet-Donauschwaben: Plattform “Verdrängte Gemeinsamkeit”

Nachfahren von Donauschwaben, die sich zwar bereits gut gekannt, aber vorher noch nie persönlich gesehen haben, trafen sich am Samstag, dem 15. 6. 2013 in Krems (Niederösterreich). Wie so etwas geht? Ganz einfach, es läuft über das Internet!

Was ist eine Internet-Gruppe?

Es handelt sich dabei um eine Gruppe, die keine Funktionäre hat, keine Sitzungen kennt und deren Mitglieder auch nie zur selben Zeit miteinander kommunizieren. Das wäre auch schwierig, denn sie leben zum Teil in verschiedenen Zeitzonen, in Österreich, Deutschland, Frankreich, den USA und Lateinamerika. Es gibt keinen Leiter, sondern eine Moderatorin (Maria Kronister), die zugleich auch die Initiatorin dieser Internet-Plattform war. Die Mitglieder haben sich entweder direkt über das Internet oder über Empfehlung von Freunden gefunden. Die Gruppe ist eine sogenannte “geschlossene” Internetgruppe, in die man – wie bei einem Verein – über Einladung oder durch einen Antrag auf Aufnahme kommt.

Das Selbstverständnis der Gruppe

Wir sind Nachkommen von Flüchtlingen und Vertriebenen des 2. Weltkrieges aus donauschwäbischen Gebieten bzw. dem Sudetenland. Wir kennen die Geschichten über das Schicksal unserer Familien, sind damit aufgewachsen, haben Bilder im Kopf. Wahrscheinlich eint uns auch die Erfahrung des großen Schweigens, aus Angst, Schuld, vielleicht auch Scham. Wir kennen Verdrängung, Trauer und Leid, Hass, was auch immer. Jede/r hat da wohl die daraus erwachsene Familienatmosphäre im Gemüt, in der Seele. Die Folgen tragen wir mehr oder minder bewusst in uns - und haben sie möglicherweise an unsere Kinder weitergegeben. Es gibt Forschungen, die besagen, dass traumatische Erfahrungen über Generation wirken, wenn sie unbearbeitet bleiben. Aus diesem Selbstverständnis ergibt sich der Name der Gruppe “Verdrängte Gemeinsamkeit”.

Die Form der Kommunikation

Wer ein Anliegen oder einen inhaltlichen Beitrag hat, eine Idee, ein Foto, eine Buchempfehlung, ein Kochrezept der Vorfahren, einen einschlägigen Film, eine persönliche Meinung zu einer Frage der Zeitgeschichte im Zusammenhang mit dem Schicksal unserer Familien, einen Zeitungsartikel über die Donauschwaben oder die Sudetendeutschen, einen Leserbrief, eine Anregung, einen Bericht von einer Reise in die Heimat der Vorfahren, eine persönliche Erfahrung, ein Kindheitserlebnis, schreibt das für alle Mitglieder, aber nicht für die Öffentlichkeit sichtbar, in das Internet-Forum. Wer will, antwortet darauf ebenso für die interne Öffentlichkeit der Mitglieder, äußert sich kritisch, unterstützt eine Meinung, schimpft oder lobt. Kurz es geht zu, wie bei einer Diskussion, bei der alle gleichzeitig in einem Saal sitzen und ein Bier oder einen Kaffee neben sich stehen haben, obwohl alle räumlich weit auseinander wohnen und ihre Diskussionsbeiträge zu unterschiedlichen Zeiten abgeben. Über Google kann man keinen der Beiträge finden, weil es sich um eine geschlossene Gruppe handelt. So, als ob man in einem Gasthaus-Nebenzimmer ein Treffen abhält, bei dem alle die drinnen sind mitreden und mithören können und alle die draußen sind, nicht. Nur können in unserem Fall Leute, die erst später in die Gruppe einsteigen, das gesamte “Protokoll” früherer Diskussionen mitverfolgen und sich auch in längst geführte Diskussionen einschalten und diese wieder neu beleben.

Das Treffen in Krems

Weil Leute, die sich gut kennen, auch das Bedürfnis haben, sich zur Abwechslung mal persönlich zu treffen, hatte jemand in der Gruppe die Idee, einmal ein “richtiges” Treffen abzuhalten, bei dem alle gleichzeitig da sind und sich sehen, riechen und angreifen können. Als Treffpunkt wurde ein Restaurant in Krems vereinbart, weil das irgendwo in der Mitte davon liegt, wo der Großteil des derzeitigen Mitgliedernetzwerkes wohnt. Wer konnte, wollte, gerade Zeit hatte und wem es von der Entfernung her möglich war, ist gekommen. Es war so, als ob alle schon seit Jahren befreundet wären. Zum Großteil waren auch die Partner/innen dabei, im konkreten Fall großteils mit österreichischem familiären Hintergrund, denen die Atmosphäre und die inhaltliche Diskussion genau so gut gefallen haben, wie den “Original”-Schwabenkindern. Eine Teilnehmerin brachte nach Schwaben-Rezept selbst gebackene Schmerkipfeln mit, die sich allgemeiner Begeisterung erfreuten. Die Planung dieses Treffens erfolgte übrigens ohne jegliche Vorbereitungssitzung, sondern nur durch Abstimmung über das Internet. Wer es nicht glaubt, dem sei gesagt, so etwas funktioniert! Wir haben es ausprobiert.

Rainer Remsing

Plattform
Angeregte Unterhaltung über die Heimat der Vorfahren - Foto: Rainer Remsing

Zur Plattform: groups.google.com/forum/#!forum/verdrangte-gemeinsamkeit

Kontakt: maria.kronister@gmx.at

2013-10-04